Elektrofahrzeuge in Afrika könnten sich früher durchsetzen als gedacht

Eine neue Studie von Forschenden der ETH Zürich und des Paul Scherrer Instituts PSI in Zusammenarbeit mit Partnern in Afrika zeigt: In vielen Ländern Afrikas könnten Elektrofahrzeuge schon vor 2040 wirtschaftlich konkurrenzfähig sein. Vorausgesetzt, die Ladeinfrastruktur ist speziell für solarbetriebene netzunabhängige Systeme entwickelt und ausgerichtet.

Elektrofahrzeug-Taxi in Accra, Ghana. Forschende der ETH Zürich und des PSI zeigen, dass Elektromobilität in Afrika früher wirtschaftlich werden kann als bisher angenommen. © ETH Zürich/Tobias Schmidt

Bis 2050 dürfte sich der Fahrzeugbestand in Afrika etwa verdoppeln – schneller als auf jedem anderen Kontinent. Die Frage ist nicht, ob Mobilität zunimmt, sondern wie. Eine neue Studie von Forschenden der ETH Zürich und des Paul Scherrer Instituts PSI in Zusammenarbeit mit afrikanischen Partnern der Makerere University, der University of Port Harcourt und der Stellenbosch University zeigt: Elektrofahrzeuge, kombiniert mit solarbetriebenen Off-Grid-Ladesystemen, könnten in vielen afrikanischen Ländern schon deutlich vor 2040 wirtschaftlich konkurrenzfähig sein.

«In vielen Modellen wurde bisher angenommen, dass in Afrika bis Mitte des Jahrhunderts Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor dominieren», sagt Erstautorin Bessie Noll. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Gruppe für Energie- und Technologiepolitik an der ETH Zürich. «Unsere Ergebnisse zeigen: Unter bestimmten Bedingungen ist Elektromobilität früher machbar, als viele denken.» Die Studie erschien in der Zeitschrift Nature Energy.

Solarstrom macht den Unterschied

Ein zentraler Punkt der Studie ist das Laden der Fahrzeuge. In vielen Regionen Afrikas ist das Stromnetz unzuverlässig oder gar nicht vorhanden. Die Forschenden analysierten deshalb 52 afrikanische Staaten und mehr als 2000 Standorte für ein Szenario, in dem Elektrofahrzeuge mithilfe eigens dafür dimensionierter Solaranlagen und stationären Batterien geladen werden – unabhängig vom Netz.

Was dabei hilft: Die Kosten für Solarstrom und Batterien sind in den letzten Jahren stark gesunken. Gleichzeitig kommen immer mehr preiswerte Elektrofahrzeuge auf den Markt, vor allem aus China. Motorräder und E-Scooter sind heute besonders sparsam.

«Wir wollten wissen, was passiert, wenn man das Ladesystem genau auf den täglichen Bedarf zuschneidet», erklärt Co-Erstautor Christian Moretti, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Labor für Energiesystemanalyse am PSI. «Das Ergebnis hat uns selbst überrascht: Diese Systeme sind deutlich günstiger als oft angenommen – und in vielen Kontexten sogar zuverlässiger als das bestehende Stromnetz.»

Konkret zeigen die Berechnungen: Für ein kleines Auto, das rund 50 Kilometer pro Tag fährt, reicht eine kompakte Solaranlage aus. Die Kosten für das Laden machen nur einen sehr kleinen Teil der gesamten Fahrzeugkosten aus. Bei Elektrorollern und Motorrädern lohnt sich der Umstieg vielerorts bereits heute.

Christian Moretti ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Labor für Energiesystemanalyse am PSI und Co-Erstautor der Studie. Er untersuchte, wie Elektrofahrzeuge in Afrika mit speziell dimensionierten Solaranlagen und stationären Batterien geladen werden können. «Diese Systeme sind deutlich günstiger als oft angenommen – und in vielen Kontexten sogar zuverlässiger als das bestehende Stromnetz.» © Paul Scherrer Institut PSI/Markus Fischer

Kein einheitlicher Kontinent

Die Studie macht zugleich deutlich, wie gross die Unterschiede innerhalb Afrikas sind. In Ländern mit stabileren Finanzierungsbedingungen wie Botswana oder Südafrika könnten Elektrofahrzeuge früher konkurrenzfähig werden. In Staaten mit hohen Finanzierungskosten, etwa Guinea, verläuft der Übergang deutlich voraussichtlich langsamer.

«Afrika ist kein einheitlicher Markt», betont Noll. «Die Rahmenbedingungen unterscheiden sich stark, und damit auch der Zeitpunkt, ab dem Elektromobilität wirtschaftlich Sinn macht.»

Ergebnisse eines modellierten Kostenvergleichs zwischen Elektrofahrzeugen und Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor, die mit fossilen Brennstoffen betrieben werden, in 52 afrikanischen Ländern, 6 Anwendungssegmenten und 3 Zeiträumen. Blau schattierte Länder weisen einen Kostenvorteil für batterieelektrische Fahrzeuge auf Basis der Gesamtbetriebskosten auf. © Springer Nature, aus Noll et al., Nature Energy (2026)

Synthetische Kraftstoffe sind keine Alternative

Die Forschenden verglichen Elektrofahrzeuge auch mit Autos, die mit synthetischen Kraftstoffen betrieben werden. Diese schneiden klar schlechter ab. Selbst unter sehr optimistischen Annahmen, etwa einer Produktion mit besonders günstigem Solarstrom in Chile, bleiben die Kosten hoch.

«Synthetische Kraftstoffe werden in anderen Bereichen dringend gebraucht, zum Beispiel in der Luftfahrt oder der Industrie», sagt Moretti. «Für den Personenverkehr in Afrika sind sie keine sinnvolle Priorität.»

Finanzierung ist das Hauptproblem

Der grösste Bremsklotz für die Elektromobilität ist laut den Forschenden nicht die Technik, sondern die Finanzierung. In vielen afrikanischen Ländern sind Kredite teuer, weil Investitionen als riskant gelten. Das trifft Elektrofahrzeuge besonders, da sie höhere Anfangskosten haben.

«Wenn man die Finanzierungskosten senken kann, beschleunigt sich der Übergang massiv», sagt Noll. Denkbar seien staatliche Garantien, neue Finanzierungsmodelle oder internationale Unterstützung. Elektromobilität könne zudem neue wirtschaftliche Möglichkeiten für Afrika schaffen, etwa durch lokale Montage, neue Dienstleistungen oder Jobs entlang der Lieferkette.

Was die Studie nicht abbildet

Die in Nature Energy veröffentlichte Analyse beruht bewusst auf einem vereinfachten Szenario. In den Berechnungen haben die Forschenden keine bestehenden Stromnetze, Importzölle, Mehrwertsteuern und auch keine staatlichen Subventionen berücksichtigt. Ziel war es, die verschiedenen Antriebstechnologien zunächst rein auf technologischer und wirtschaftlicher Basis zu vergleichen.

Auch Fragen der Infrastruktur, etwa der Ausbau öffentlicher Ladestationen, sowie soziale und politische Faktoren wie Importregeln für Gebrauchtfahrzeuge haben die Forschenden nicht im Detail modelliert. «Wir wollten zuerst verstehen, ob Elektromobilität grundsätzlich machbar und bezahlbar ist», sagt Noll. «Wie einzelne Länder diesen Übergang konkret gestalten, hängt stark von lokalen Rahmenbedingungen und politischen Entscheidungen ab.»

Fazit: Elektromobilität in Afrika kann früher Realität werden, als bisher vielfach angenommen. Die Wege dorthin werden sich jedoch von Land zu Land deutlich unterscheiden.

Dr. Christian Moretti
PSI Center for Nuclear Engineering and Sciences
Paul Scherrer Institut PSI

christian.moretti@psi.ch
[Englisch, Italienisch]

Battery-electric passenger vehicles will be cost-effective across Africa well before 2040
Noll B, Graff D, Schmidt TS, Patt A, Bauer C, Agutu C, Asiimwe PK, Diemuodeke OE, Krygsman S, Nienkerke I, Tröndle T, Moretti C. 
Nature Energy, 13.01.2026
DOI: 10.1038/s41560-025-01955-x