15. Februar 2018

Profitabel für beide Seiten

Energie und Umwelt Erneuerbare Energien ESI-Plattform

In Freiburg sitzt das junge Unternehmen Swiss Hydrogen. Hier wird an konkurrenzfähigen Hochleistungs-Brennstoffzellen getüftelt, die sich in umweltfreundlichen Fahrzeugen oder stationär als Stromerzeuger einsetzen lassen. Von der Zusammenarbeit mit dem Paul Scherrer Institut PSI profitieren beide Seiten, erzählt Geschäftsführer Alexandre Closset im Interview.

5232: Herr Closset, was verbindet Ihr Unternehmen mit dem PSI?

Alexandre Closset: Das PSI ist seit der Gründung von Swiss Hydrogen im Jahr 2015 unser engster Forschungspartner und wir sind sehr froh darum. Anfangs hatten wir nämlich nur Büroräume, keine Labore – in dieser Zeit haben wir Labore am PSI genutzt. Unsere Firma hat tatsächlich nur überlebt, weil wir die Montage und die Tests am PSI durchführen konnten.
Und inzwischen?

Inzwischen haben wir unsere eigenen Montage- und Lagerräume, aber die Zusammenarbeit mit dem PSI ist weiterhin intensiv: Das Wissen, das dank der PSI-Forschung entsteht, fliesst zu uns. Wir nutzen es, um Brennstoffzellen weiterzuentwickeln. Unsere Neuentwicklungen werden wiederum an der ESI-Plattform des PSI getestet – und dabei verlassen wir uns sowohl auf die PSI-Infrastruktur als auch auf das Fachwissen der PSI-Forschenden, um die Testergebnisse gut und richtig zu interpretieren. Im Gegenzug haben wir uns unter anderem verpflichtet, für die ESI-Plattform vier neuartige Brennstoffzellen mit je 60 Kilowatt Leistung zu liefern. Und dann ist die Zusammenarbeit auch von Anfang an eine sehr persönliche, sehr vertraute gewesen. Das zeigt sich unter anderem daran, dass ehemalige Nachwuchsforschende vom PSI bei uns arbeiten; einer von ihnen ist jetzt unser Chefentwickler.

Können Sie kurz erklären, warum die Schweiz Brennstoffzellen braucht?

Brennstoffzellen sind Energieumwandler. Wir arbeiten an zwei Varianten: Die eine nutzt Wasserstoff, der in einem Tank gespeichert ist, und saugt zusätzlich Umgebungsluft an; aus diesen zwei Zutaten erzeugen sie elektrischen Strom. Die andere Variante nutzt anstatt Luft reinen Sauerstoff – ebenfalls aus einem Tank. Diese zweite Variante ist effizienter. Aber man hat zwei Tanks, was für manche Anwendungen wie Elektroautos nicht so vorteilhaft ist.

Die zuerst genannte Art, die Wasserstoff-Luft-Brennstoffzellen, sind also vor allem für Fahrzeuge gedacht?

Genau: Wir haben hier bei Swiss Hydrogen bereits mehrere Elektroautos, deren Kilometer-Reichweite durch Brennstoffzellen deutlich erhöht wird. Ich selber fahre seit 2013 einen Fiat 500 mit Brennstoffzelle, den ich mitentwickelt habe und der inzwischen mehr als 140000 Kilometer auf dem Tacho hat. Obwohl es ein Prototyp ist, hatte ich in all den Jahren wirklich sehr wenige technische Schwierigkeiten mit ihm. Einer unserer jüngeren Erfolge ist ein Null-Emissions-Lastwagen: Coop wollte einen solchen LKW haben und hat in Swiss Hydrogen einen guten Partner gefunden: Unsere Brennstoffzelle hat im Vergleich mit Konkurrenzprodukten die höchste Leistungsdichte erreicht. Seit 2017 fährt also ein 34-Tonner mit einer von uns entwickelten Brennstoffzelle in der Coop-Flotte.
Und wo sehen Sie ein Einsatzgebiet für die Wasserstoff-Sauerstoff-Zellen?

Diese eignen sich gut für den ortsgebundenen Einsatz. Die überschüssige Energie aus Windkraft- und Fotovoltaikanlagen lässt sich nutzen, um puren Wasserstoff und puren Sauerstoff herzustellen; daraus würden bei Bedarf grosse Brennstoffzellen wieder Strom generieren. An dieser Art der Brennstoffzelle arbeiten wir derzeit zusammen mit den Forschenden an der ESI-Plattform des PSI. So tragen wir gemeinsam dazu bei, die Energiestrategie 2050 des Bundes umzusetzen.

Wie unterscheidet sich die Herangehensweise Ihrer Unternehmensleute von derjenigen der PSI-Forschenden?

Ich würde sagen, wir schauen einfach aus unterschiedlichen Richtungen auf dieselbe Sache. Beispielsweise sind die Forschenden sehr gut darin, ein wissenschaftliches Problem zu lösen. Und wir müssen sie manchmal noch daran erinnern, dass die technische Lösung auch ökonomisch Sinn ergeben muss. Wir von Swiss Hydrogen achten also auf drei Dinge: Auf die industrielle Machbarkeit, auf die Kosten und auf das geistige Eigentum einer Idee. Und so haben wir tatsächlich schon ein oder zwei Mal zu den PSI-Forschenden gesagt: Tut uns leid, nein, an diesem Lösungsweg sind wir nicht interessiert; denn selbst wenn er funktioniert, wird er sich auf dem Markt niemals als konkurrenzfähig erweisen. Konkret heisst das beispielsweise: Ein bestimmtes Bauteil darf zwar für den Prototyp vielleicht tausend Schweizer Franken kosten – aber nur, wenn sich dieses Bauteil später in Serie für um die zehn Franken herstellen lässt.

Wird die Zusammenarbeit mit dem PSI weitergehen?

Ja, auf jeden Fall! In den Gebäuden des Park innovaare, die in den nächsten Jahren direkt neben dem PSI entstehen, planen wir, mit ein oder zwei Mitarbeitenden Büros zu beziehen, um noch mehr Nähe zueinander herzustellen. Die Brennstoffzellenforschung des PSI ist nicht nur schweizweit, sondern auch international überall anerkannt. Das PSI ist und bleibt daher unser engster akademischer Partner.

Interview: Paul Scherrer Institut/Laura Hennemann


Zur Person

Alexandre Closset ist Geschäftsführer von Swiss Hydrogen, das seit Januar 2018 ein Tochterunternehmen von Plastic Omnium ist. Er studierte physikalische Ingenieurswissenschaft an der EPFL, hält einen MBA-Titel und war lange im Bereich flexible Solarmodule tätig, bevor er zu Brennstoffzellen wechselte. Im Jahr 2015 war er Mitgründer des Start-up-Unternehmens Swiss Hydrogen, das aus der Swatch-Gruppe hervorging und das der Kommerzialisierung von Wasserstoff-Brennstoffzellen dient.
Weiterführende Informationen
Nutzen, was da ist: Ein Hintergrundartikel, der zeigt, wie Forschende am PSI nach Lösungen suchen, um Energie aus Sonne, Wind oder Biomasse effizient in das Schweizer Energiesystem zu integrieren.

Eine Technologie im Praxistest: Ein Interview mit Peter Dietiker, dem Geschäftsführer des Zürcher Unternehmens Energie 360°, über die Zusammenarbeit mit dem PSI.

5232 — Das Magazin des Paul Scherrer InstitutsAusgabe 1/2018

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