22. November 2017

Mit Blaulicht in die Gefahrenzone

Verschiedenes

Die Strahlenwehr des PSI ist nicht nur für Einsätze im Institut, sondern im ganzen Kanton Aargau zuständig. Viermal im Jahr übt sie den Ernstfall.

Die Explosion im Labor hat das Fenster zerblasen und blaue Handschuhe sowie einen Behälter mit dem Strahlenwarnzeichen auf den Asphalt nach draussen gefegt. Männer in gelb-schwarzen Brandschutztenues und beigen Helmen hüpfen aus dem roten Mannschaftswagen der PSI-Strahlenwehr, ziehen sich Atemschutzgeräte an, rollen gelbes Absperrband aus, schwärmen mit Messgeräten aus und geben sich Befehle, bis klar ist, wer was zu tun hat; das unvermeidbare Durcheinander in den ersten Sekunden einer Ernstfallübung.

Drinnen im Labor finden die Männer ihren Kollegen Can Yesiltepe, der einen Verletzten mimt. In einem Schleifsack transportieren sie ihn nach draussen und schneiden ihm den gelben Overall auf; die erste Grobdekontamination. Jungs, das könnt ihr jetzt echt nicht bringen!, ruft Mathias Heusser, den Strahlenwehrchef Gabriel Frei zum Einsatzleiter bestimmt hat, als Yesiltepe in Unterhosen und Unterhemd auf der Blache liegt. Erst jetzt schirmen ihn die Strahlenwehrler mit einer Zeltblache vor neugierigen Blicken ab.

Einige Minuten später beendet Gabriel Frei die Übung und befiehlt die 14 Männer ins Daher, den militärischen Halbkreis. Frei, runde Brille und wacher Blick, zeigt zu den Fenstern eines Gebäudes neben dem Übungsgelände der Betriebsfeuerwehr. Heute würde keine Minute vergehen, bis jemand mit dem Handy ein Foto geschossen hat. Und plötzlich ist der Verletzte in Unterhosen auf einem Online-Portal. Abgesehen davon ist Frei zufrieden. Innert weniger Minuten haben die Strahlenwehrler die Strahlenquellen im Gebüsch sowie hinter der Mauer zum Labor entdeckt und eine Gefahrenzone um die radioaktiven Quellen errichtet.

Miliztruppe mit Fachkenntnis

Die Strahlenwehr des PSI ist eine Einheit der Betriebsfeuerwehr des PSI. Die reguläre Löschmannschaft würde im Ernstfall auf dem Gelände des PSI sowie des benachbarten ZWILAG, des zentralen Zwischenlagers für radioaktive Abfälle, in dem unter anderem die Brennstäbe aus den Kernkraftwerken gelagert werden, zum Einsatz kommen. Zudem unterstützt sie die Nachbarfeuerwehren Würenlingen und Geissberg, da diese tagsüber nur langsam mobilisierbar sind.

Die Strahlenwehr hingegen ist seit 2006 für den ganzen Kanton Aargau zuständig. Davor waren die elf Stützpunktfeuerwehren des Kantons dafür verantwortlich, hatten darin aber kaum Erfahrung. Ganz im Gegensatz zum PSI, in dessen Laboren regelmässig mit radioaktiven Materialien geforscht und hantiert wird. Beim PSI ist jederzeit sichergestellt, dass das nötige Fachwissen vorhanden ist, begründet Thomas Aldrian vom Aargauer Departement für Gesundheit und Soziales den Entscheid.
Beim PSI ist jederzeit sichergestellt, dass das nötige Fachwissen vorhanden ist.

Thomas Aldrian, Departement für Gesundheit und Soziales, Kanton Aargau
Die 22-köpfige Strahlenwehr ist wie die gesamte PSI-Betriebsfeuerwehr eine Milizorganisation, doch viele ihrer Mitglieder haben auch beruflich mit Radioaktivität zu tun. Wie sieben weitere Mitglieder der PSI-Feuerwehr arbeitet Strahlenwehr-Chef Gabriel Frei im ZWILAG, wo er die Leitung des Strahlenschutzes übernehmen wird. Frei ist gelernter Kernkrafttechniker, war lange Operateur in Beznau und hat sich zum Strahlenschutz-Sachverständigen weitergebildet. Der Figurant Can Yesiltepe arbeitet als Strahlenschutzfachkraft im Rückbau einer Forschungsreaktoranlage des PSI. Es sei nicht einfach, die Arbeit in der Strahlenwehr und im Institut unter einen Hut zu bringen, sagt Frei. Gerade bei Wissenschaftlern heisst es oft: Ich habe keine Zeit dafür. Seine Truppe besteht zu 80 Prozent aus Technikern mit Berufslehre, nur wenige Forscher sind dabei. Der Einsatz in der Strahlenwehr ist für PSI-Mitarbeiter besonders aufwendig. Neben dem zweitägigen Grundkurs der Betriebsfeuerwehr müssen sie einen einwöchigen Spürkurs absolvieren, in dem sie die Bedienung der Strahlenmessgeräte und das Errichten einer Gefahrenzone lernen.

Für die zweite Übung hat Gabriel Frei auf dem Strassenabschnitt des Übungsgeländes mit zwei ausgemusterten PSI-Fahrzeugen einen Unfall auf der A1 nachgestellt. Ein Transportwagen mit verdächtigem Inhalt hat einen PKW gerammt. Bei dem Aufprall ist ein Paket mit Strahlenwarnsignal auf die Strasse geschleudert worden. Gemäss Frei kein unrealistisches Szenario. Kliniken transportieren so beispielsweise radioaktives Material für die Strahlentherapien.

Im Unterschied zum ersten Szenario, das auf dem PSI-Gelände spielte, muss die Strahlenwehr hier mit der örtlichen, ihr unbekannten Feuerwehr kooperieren. Gabriel Frei spielt den ungeduldigen Kommandanten. Sali, begrüsst er den Strahlenwehroffizier André Burkhard. Ich möchte gerne meine beiden Männer von der Unfallstelle weg haben, und der Polizei-Einsatzleiter möchte die Strasse so schnell wie möglich wieder geräumt haben. Eine Minute Strassensperre auf der A1, erklärt Frei, verursache einen Kilometer Stau.

Das Handy nachts in Hörweite

Doch die Strahlenwehrler lassen sich nicht beirren, errichten zunächst eine Gefahrenzone um die Unfallstelle und suchen dann mit ihren Messgeräten die örtlichen Feuerwehrmänner minutiös auf Kontamination ab, bevor diese den Einsatzort verlassen dürfen. Doch Gabriel Frei als Einsatzleiter macht weiter Druck. Die NAZ will eine erste Lageanalyse, ruft er dem Strahlenwehroffizier Burkhard zu. Die nationale Alarmzentrale, die für solche Unfälle auf nationaler Ebene zuständig ist, hat im Kanton Aargau zusammen mit den kantonalen Behörden die alleinige Kompetenz, radioaktives Material abzutransportieren. Die kantonale PSI-Strahlenwehr darf es bloss identifizieren und eine Gefahrenzone darum errichten.

Nach der Übung – eine von vier im Jahr – retabliert die Strahlenwehr im PSI-Feuerwehrmagazin. Die Männer versorgen Schutzanzüge und Ausrüstung in den Spinden oder plaudern miteinander, die Hosenträger der Brandschutzhosen über den verschwitzten T-Shirts. Am Eingang des Magazins hängt ein Gebäudeplan des PSI, eine Liste mit wichtigen Handynummern. Einen Ernstfall hatte die PSI-Strahlenwehr noch nie, erinnert sich Gabriel Frei, bis auf einen Fehlalarm vor einigen Jahren. Doch jeder Strahlenwehrler verbringt die Nacht mit dem Handy in Hörweite. Ruft die Einsatzzentrale, müssen sich alle, die irgendwie können, so schnell wie möglich im Magazin einfinden.

Statt dem üblichen Bier nach der Feuerwehrübung gibt es für die Strahlenschützer bloss eine Schachtel Kägi-Fret, die Klaus Hermle, der stellvertretende Kommandant der PSI-Feuerwehr, besorgt hat. Es ist kurz nach vier; die einen gehen in den Feierabend, die anderen zurück an die Arbeit. Can Yesiltepe, der Figurant aus der ersten Übung, hat bereits wieder sein blaues Technikertenue übergezogen, steigt auf sein Fahrrad und radelt davon.

Text: Joel Bedetti

5232 — Das Magazin des Paul Scherrer InstitutsAusgabe 3/2017

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