Wo Analyse auf Aromen trifft

Manche sehen Bierbrauen als Kunst, andere als Wissenschaft – Luc Van Loon vereint in seiner Brauerei beide Tugenden. Mit der Nase eines Sommeliers und der Präzision eines Chemikers kreiert der ehemalige PSI-Forscher Biere auf Weltklasse-Niveau.

Luc Van Loon, Braumeister
Luc Van Loon, Braumeister
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Der Eingang zur Brauerei ist unscheinbar – mitten im Wohnquartier im beschaulichen aargauischen Neuenhof, wo stattliche Riegelhäuser und plätschernde Dorfbrunnen den nahen Autobahnlärm vergessen lassen. Hier, verborgen in einem alten Weinkeller, befindet sich die Brauerei Chen Van Loon. Und hier entsteht auch das Sauvignon Ale – jenes Bier, das 2024 bei der «Finest Beer Selection», einem international renommierten Wettbewerb, von der Jury zum drittbesten Bier der Welt gekürt wurde. 

Klein aber fein könnte man sagen. «Wir sind eine Mikrobrauerei», erklärt der Braumeister und ehemalige PSI-Chemiker Luc Van Loon. Zehn verschiedene Biere entstehen hier – mit einer maximalen Kapazität von 32 000 Litern pro Jahr. «So viel produziert Feldschlösschen in einer Stunde», fügt er mit einem Augenzwinkern über die grösste und bekannteste Brauerei der Schweiz hinzu. «Wir spielen da definitiv in einer anderen Liga – unser Fokus liegt auf handwerklicher Vielfalt und kreativen Braustilen. Und genau das hat die Jury überzeugt.» 

Doch wie kommt ein Chemiker zum Bierbrauen? Klar, der Prozess selbst lässt sich präzise in Formeln fassen – das ist pure Chemie. Doch Luc Van Loon kam nicht wegen der Wissenschaft, sondern über den Wein zum Bier. 

Vom Chemiker zum Winzer zum Bierbrauer 

2005 pachtete Luc Van Loon einen zwölf Aren grossen Rebberg und begann, in seiner Freizeit im Keller des Weinguts zum Sternen in Würenlingen Wein zu keltern. Damals arbeitete der gebürtige Belgier bereits seit fast zwanzig Jahren am PSI, in unmittelbarer Nähe zu seinem Weinberg. Eigentlich hatte er sich bei der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) um eine Stelle beworben. Da dort gerade keine Vakanz bestand, leitete man seine Unterlagen kurzerhand ans PSI weiter. Was folgte, lässt sich in seinen Worten recht simpel zusammenfassen: Ein Anruf vom PSI, ein eintägiges Vorstellungsgespräch vor Ort und ein freundliches: «Sie können anfangen». 

Und so wanderte die Familie Van Loon mit ihren zwei Söhnen am 2. November 1988 aus: vom belgischen Merksplas ins Schweizer Kleindöttingen. Luc Van Loon hatte zuvor an der Landwirtschaftlichen Fakultät der Universität Löwen promoviert – in Radioökologie. Thema seiner Doktorarbeit: wie sich das langlebige Radionuklid Technetium-99 – ein Relikt aus den Atomwaffentests der 1960er-Jahre – in landwirtschaftlichen Produkten verhält. Ein feines Gespür für Böden, Landwirtschaft und menschliche Einflüsse brachte er also bereits aus dem Studium mit. 

Während Van Loon in seiner Freizeit die Rebstöcke pflegte, im Herbst Trauben las, sie kelterte und ihren Saft gären liess, untersuchte er als Geochemiker und Leiter der Forschungsgruppe für Diffusionsprozesse am PSI ganz andere Substanzen. «Wir wollten verstehen, wie sich radioaktive Materialien in unterschiedlichen Werkstoffen verhalten – etwa, wie Radionuklide durch Opalinuston wandern und welche Wechselwirkungen dort stattfinden», so Van Loon. 

Opalinuston ist ein feinkörniges, tonhaltiges Gestein, das vor rund 173 Millionen Jahren durch Schlammablagerungen am Meeresgrund entstand – heute liegt es mehrere hundert Meter unter der Erdoberfläche und ist insbesondere für die Einlagerung radioaktiver Abfälle in Tiefenlagern interessant, da es dort als natürliche Barriere dienen kann. «Unsere Studien haben dazu beigetragen, die Barriereeigenschaften dieses Gesteins besser zu verstehen», sagt Van Loon. 

  • Malz mit Wasser vermischen und auf 65 °C erhitzen – dabei entsteht Zucker.
  • Die entstandene Würze filtern und auf ca. 98 °C erhitzen (sterilisieren).
  • Hopfen hinzufügen – für Aroma und Bitterkeit.
  • Für etwa 10 Tage in Gärtank mit Hefe geben – es entsteht Alkohol und Kohlensäure.
  • Jungbier auf 10 °C kühlen und in Flaschen füllen.
  • Für natürliche Kohlensäure: etwas Hefe und Zucker zugeben und Flaschengärung abwarten

Die Experimente dazu fanden im Hotlabor des PSI statt, einer einzigartigen Anlage zur materialanalytischen Untersuchung hoch radioaktiver Stoffe. Das Labor ist nur über Sicherheitsschleusen zugänglich und mit dicken Betonwänden umgeben. Laborkittel ist Pflicht, frische Luft eine Rarität. «Da war die körperliche Arbeit im Rebberg ein willkommener Ausgleich», so Van Loon mit einem Lächeln. 

Diese Arbeit war mitunter schweisstreibend – und machte durstig. «You have to drink a lot of beer to make a good wine», witzelte der Australier Christopher Chen über die harte Arbeit im Rebberg. Chen arbeitete damals als Önologe auf dem Weingut zum Sternen und fand im Hobbywinzer Van Loon – der als Belgier zudem einer echten Biernation entstammt – einen Gleichgesinnten in Sachen Bier. Und so begannen die beiden Freunde 2013, aus reiner Experimentierfreude, in einem alten Suppenkessel im Weinkeller ihr erstes Bier zu brauen. 

Wir sind ein waschechter Familienbetrieb – und das ist schön so.

Luc Van Loon, Braumeister

Weil sie keine Flaschen zum Abfüllen vorbereitet hatten, mussten ein paar alte Champagnerflaschen aus dem Weinkeller dafür herhalten – und so entstand eher zufällig die bis heute charakteristische Flaschenform ihrer Biermarke. Bald wurde in eine 200-Liter-Anlage investiert – doch die Produktion kollidierte zunehmend mit dem Weinbetrieb. Also zogen sie 2015 nach Neuenhof – wiederum in einen alten Weinkeller. 

Die Wissenschaft des Brauens 

Vier einfache Zutaten stecken in Bier: Wasser, Malz, Hefe und Hopfen – und doch ist die geschmackliche Vielfalt, die daraus entstehen kann, fast grenzenlos. «Es gibt über fünfzig Malz- und rund zweihundert Hopfensorten – von den unzähligen Hefestämmen ganz zu schweigen», so Van Loon. Hinzu kommen äussere Parameter wie Temperatur, Gärdauer oder Lagerung, die den Biercharakter prägen. «Das macht Bier für mich deutlich spannender als Wein.» 

Luc Van Loon zapft aus einem der grossen, silbernen Gärbottiche ein Glas voll goldglänzender, bernsteinfarbener Flüssigkeit und begibt sich damit zu seinem Stehlabor. Mit einer Pipette und diversen Messgeräten macht er sich an die Analyse. Jetzt fehlten nur noch Laborkittel und Handschuhe – und man könnte fast meinen, man befände sich wieder in einem Labor am PSI statt in einer Brauerei. 

Der Tropfen aus der Pipette landet im Refraktometer. Das Gerät sieht ein bisschen aus wie ein Fernrohr – doch statt in die Ferne blickt man damit ins Innere der Flüssigkeit. Je nach Dichte des Biers wird das einfallende Licht darin in einem anderen Winkel gebrochen – so lässt sich der Zuckergehalt bestimmen. Und der wiederum verrät, wie weit die Gärung ist, also wie viel Zucker sich schon in Alkohol umgewandelt hat. Ein Infrarotgerät zur Messung des effektiven Alkoholgehalts und eine pH-Elektrode liegen ebenfalls bereit. «Was noch fehlt, ist ein Gerät zur Bestimmung der Bitterkeit und der Farbe», so Van Loon. «Dann wäre mein Labor komplett.» 

Wenn Luc Van Loon über seine Analysemethoden spricht, merkt man: Hier ist nicht nur ein leidenschaftlicher Brauer, sondern auch ein erfahrener Wissenschaftler am Werk; einer, der sich auch mit Qualitätskontrollen auskennt. Am PSI war Van Loon für das Qualitätsmanagement im Labor für Endlagersicherheit verantwortlich. «In der Brauerei ist das nicht anders», so der Braumeister. «Auch hier halten wir unsere Prozesse fest und prüfen die Qualität unserer Produkte – das Bier soll schliesslich immer gleich gut schmecken – mit konstanter Farbe, Alkoholgehalt und Charakter. 

Vom Jux zum Familienbetrieb 

Seit über zehn Jahren braut Luc Van Loon nun schon Bier – und seit seiner Pensionierung 2024 nicht mehr nur am Wochenende. Sein früherer Braupartner Christopher Chen hat den Betrieb inzwischen verlassen und ist in seine Heimat Australien zurückgekehrt. Dafür ist Van Loons Sohn Jan eingestiegen – und zwar Vollzeit. «Ich bin sehr stolz, dass er den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt hat», so Van Loon. Auch der Rest der Familie ist mit an Bord: Jans Partnerin kümmert sich um Grafik und Marketing, Luc Van Loons Frau Anita um die Buchhaltung. «Wir sind ein waschechter Familienbetrieb – und das ist schön so.» 

Gemeinsam mit einem Bachelorstudenten der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW erforschen die Van Loons momentan das Potenzial von Weinhefen, die gezielt Aromastoffe im Bier freisetzen sollen. «Unser Sauvignon Ale, das letztjährige Siegerbier, enthält zur Unterstützung seines fruchtigen Aromas einen Schuss Traubensaft vom eigenen Rebberg», erklärt Van Loon. «Unser Vigneron – Cuvée du Patron, ebenfalls ein prämiertes Bier, schmeckt zwar auch traubig, enthält jedoch keinerlei Früchte. Der Geschmack entsteht allein durch die Hefe. Ihre mikrobiologische Vielfalt birgt enormes Potenzial für neue Bierstile.» 

Die Freude am Experimentieren und am wissenschaftlichen Arbeiten hat Luc Van Loon also auch im Ruhestand nicht verlassen. Und seine Bierkreationen bleiben weiterhin auf Erfolgskurs: Bei der diesjährigen «Finest Beer Selection» erreichten gleich zwei Biere aus dem Hause Chen Van Loon beeindruckende 95 von 100 Punkten – ein weiterer Beweis dafür, dass Kunst und Wissenschaft im Glas ausgezeichnet harmonieren