«Wir sind füreinander verantwortlich»

Hanke Nobbenhuis rettet Leben – als Ersthelferin vor Ort und als Samariterin, die jedes Jahr Hunderte Menschen ausbildet, im Notfall richtig zu handeln. Ihr Lebensweg führte auch ans Paul Scherrer Institut PSI: in die Chemie und in die hiesige Betriebsfeuerwehr, wo sie lernte, wie wichtig es ist, für einander Verantwortung zu übernehmen.

© Paul Scherrer Institut PSI/Mahir Dzambegovic
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«Ah, ah, ah, ah, Stayin‘ Alive» – der Bee-Gees-Klassiker aus den 70ern regt nicht nur zum Tanzen an, sondern auch zur Reanimation. Rund 100 Taktschläge pro Minute liefert der Disco-Hit aus dem John-Travolta-Film Saturday Night Fever – genau der Rhythmus, der benötigt wird, um bei einer Herzdruckmassage den Körper mit Blut und damit mit Sauerstoff zu versorgen. «Das Lied hilft einem, während einer Reanimation im Takt zu bleiben – und passt auch lyrisch ausgezeichnet», erklärt Hanke Nobbenhuis.

Die gebürtige Niederländerin lehnt sich mit vollem Körpereinsatz über den Übungsdummy. Mit beiden Handballen drückt sie das Plastikbrustbein bis zu sechs Zentimeter tief ein – 100- bis 120-mal pro Minute, mit dem ganzen Körpergewicht. «Das ist extrem anstrengend – kann aber bei einem Herzstillstand Leben retten», fügt sie hörbar nach Luft ringend hinzu.

Nobbenhuis ist Ausbildnerin im Samariterverband und First Responderin im Kanton Aargau – eine speziell ausgebildete, freiwillige Helferin ausserhalb des regulären Rettungsdienstes. Leben zu retten gehört dabei ganz konkret zu ihrer Aufgabe: Geht ein Notruf bei einer offiziellen Stelle ein und befindet sie sich in der Nähe, wird sie per App alarmiert und kann reagieren. «Ich habe meine Ausrüstung fast immer im Auto. Wenn der Alarm kommt, leiste ich Erste Hilfe – bis die Ambulanz eintrifft.» Auch jetzt wäre sie unverzüglich für den Ernstfall gewappnet.

Dass Hanke Nobbenhuis heute in Samariter uniform im Aargau Menschen rettet und Laien zu Rettern ausbildet, ist keineswegs selbstverständlich. Vielmehr ist es dem Zufall, der Liebe – und einer vorlauten Aussage zu verdanken. Doch erst einmal der Reihe nach.

Mit «niederländischer Direktheit» in die  Betriebsfeuerwehr

Unsere Geschichte beginnt in den Niederlanden, genauer gesagt in der östlich gelegenen Grossstadt Enschede. An der dortigen Universität schloss Hanke Nobbenhuis ihr Studium in technischer Chemie ab. Auch ihr damaliger Freund war Uniabsolvent. An der Schwelle vom Studentenleben in eine gemeinsame Zukunft begann das Paar, emsig Pläne zu schmieden.

Für Hanke Nobbenhuis‘ Partner wurde diese Zukunft bald sehr konkret: Eine Promotion an der ETH Zürich zog ihn in die Schweiz. Anfänglich pendelte Hanke Nobbenhuis noch zwischen Enschede und Zürich hin und her – bis auch sie 1990 auf dem hiesigen Arbeitsmarkt fündig wurde: als Chemikerin am Paul Scherrer Institut PSI in der Gruppe für Reinstwasserchemie. «Unsere Aufgabe war es, die Wasserqualität in Kernkraftwerken zu überwachen», erklärt sie.

Wasser in Kernkraftwerken erfüllt unterschiedliche Funktionen: Es kühlt, transportiert Wärme und schützt Materialien vor Korrosion. Entsprechend hoch sind die Anforderungen an seine chemische Zusammensetzung. «Wir kontrollierten regelmässig verschiedene Parameter, wie etwa pH-Wert, Metall- oder Isotopenanteil und werteten die Messdaten statistisch aus», sagt Nobbenhuis. Ziel war es, Veränderungen frühzeitig zu erkennen – lange bevor sie für den Betrieb oder die Sicherheit einer Anlage relevant werden konnten.

Gleichzeitig begann sich Hanke Nobbenhuis jedoch für einen ganz anderen Bereich des Instituts zu interessieren: die Betriebsfeuerwehr. «Mich hat vor allem überrascht, dass dort überhaupt keine Frauen dabei waren», sagt sie. «Also habe ich mich in meiner niederländischen Direktheit lauthals beschwert – und war kurz darauf selbst mit dabei.»

Anders als in den Niederlanden verlangte die Betriebsfeuerwehr am PSI von ihren Mitgliedern eine fundierte Ausbildung in Erster Hilfe – und so wurde Hanke Nobbenhuis erst einmal in den Nothelferkurs geschickt. «Das war für mich der Einstieg ins Samariterwesen – danach war ich gefixt!»

Im Ernstfall

Rund 8000 Herz-Kreislauf-Stillstände ereignen sich jährlich in der Schweiz. Die kritische Überlebensfrist beträgt lediglich drei bis fünf Minuten; danach drohen aufgrund von Sauerstoffmangel irreversible Schäden im Gehirn. Zeit und Distanz entscheiden also über Leben und Tod. Umso wichtiger ist ein gut verteiltes Netz aus First Respondern und anderen geübten Ersthelferinnen und Ersthelfern.

In der Schweiz sind das in erster Linie Laien. Wer hier den Führerschein erlangen will, muss sich erst einmal mit Erster Hilfe befassen und den Nothelferkurs absolvieren: Reanimation, Beatmung, Seitenlage, Druckverband, Ampel-Schema… kommt uns alles irgendwie bekannt vor. Und trotzdem fehlt die Übung. «Wir vom Samariterverband Aargau bieten Grund- und Wiederholungskurse an, um genau diese Dinge wieder aufzufrischen», so Nobbenhuis. Der Samariterverband Aargau ist der kantonale Dachverband der Samaritervereine und koordiniert Ausbildung und Weiterbildung im Kanton.

Laien sind oft die Ersten, die an einer Unfallstelle eintreffen, den Notruf absetzen und Erste Hilfe leisten. Danach kommen die First Responder ins Spiel: «Zurzeit sind wir etwa 1200 Personen im Kanton Aargau. Wir lösen die Laien ab und überbrücken das therapiefreie Intervall, bis der Rettungsdienst eintrifft.» Damit bilden die First Responder eine Art Bindeglied zwischen Laien und professioneller Hilfe. Mitmachen können interessierte Personen ab achtzehn Jahren mit einer Ausbildung in lebensrettenden Sofortmassnahmen und einer obligatorischen Einführungsschulung.

Man möchte Menschen helfen und Leben retten – das ist der wahre Samaritergedanke.

Hanke Nobbenhuis

Seit 2024 ist auch Nobbenhuis als First Responderin im Einsatz. «Sieben Einsätze hatte ich seither zu verzeichnen – allzeit bereit. Man möchte Menschen helfen und Leben retten – das ist der wahre Samaritergedanke.» Doch Leben zu retten ist auch unweigerlich mit dem Tod verbunden; nicht jeder Einsatz nimmt ein Happy End, und manche Erfahrungen wirken lange nach.

Auf die Frage nach der längsten Reanimation hält Hanke Nobbenhuis kurz inne. «Das war bei meinem Vater», sagt sie nach einer Pause. Ein plötzlicher Herzinfarkt. «Meine Schwägerin und ich haben uns mit der Herzdruckmassage abgewechselt – leider hat es nicht gereicht.» Solche Erlebnisse sind prägend und gehören dennoch zum Samariterdasein dazu. Halt findet Nobbenhuis in ihrer Familie: «Besonders meine beiden Töchter – beide Ärztinnen. Mit ihnen kann ich über solche Dinge reden.»

Die Geburt der ersten Tochter war es auch, die Hanke Nobbenhuis damals dazu bewogen, das PSI nach drei Jahren zu verlassen und sich stärker auf die Familie zu konzentrieren. Gleichzeitig nutzte sie die gewonnene Flexibilität, um ihr Engagement im Samariterverband weiter auszubauen. «Ich hatte an den Abenden Zeit, mich ganz aufs Samariterwesen zu fokussieren – und fleissig Kurse zu besuchen.»

Wurzeln schlagen

Mit ihrer Anstellung am PSI war für Hanke Nobbenhuis und ihren Partner auch der Zeitpunkt gekommen, endgültig in der Schweiz Fuss zu fassen. Die gemeinsamen Stationen führten über Schaffhausen und Zürich, später in den Aargau nach Rieden und schliesslich ins Fricktal – von Mumpf bis nach Wallbach, wo sie heute leben. «Dazwischen haben wir auch geheiratet», sagt Nobbenhuis und lächelt. Aus dem Pendeln wurde Alltag, aus der Übergangsphase ein Zuhause – und eine Familie.

Während sich beruflich und familiär vieles veränderte, blieb eines jedoch konstant: Hanke Nobbenhuis’ Engagement im Samariterwesen. «Als junge Frau und Studentin war mir das nicht wirklich bewusst – da war ich wohl eher auf mich selbst fokussiert», sagt sie rückblickend. «Mit der Betriebsfeuerwehr, dem Nothelferkurs und dem Eintauchen in die Samariterwelt wurde mir Schritt für Schritt klar, dass wir in unserer Gesellschaft nicht allein unterwegs sind – wir sind füreinander verantwortlich.» Aus einem Interesse entwickelte sich eine Haltung und daraus eine ganz persönliche Ethik.

Heute engagiert sich Nobbenhuis nicht nur als Ersthelferin und Ausbildnerin, sondern auch in leitender Funktion im Samariterverbund Aargau. Sie ist für die Ausbildung verantwortlich und prägt damit die nächste Generation von Samariterinnen und Samaritern. Daneben arbeitet die Wallbacherin als Bibliothekarin in der Gemeindebibliothek Möhlin – ein ruhigerer Gegenpol zur Blaulichtwelt, der für sie gut passt. «Im Samariterwesen lernt man, in stressigen Situationen ruhig zu bleiben, sich einen Überblick zu verschaffen und zu handeln», sagt sie. «Das hilft nicht nur im Notfall – sondern tatsächlich manchmal auch in einer Bibliothek.»

Wer sich nun angesprochen fühlt, seine Nothelferkenntnisse aufzufrischen oder selbst Teil des Samariterwesens zu werden, findet beim Samariterverband Aargau zahlreiche Kursangebote. «Sollte einem der Disco-Hit Stayin’ Alive zur Herzdruckmassage nicht zusagen», sagt Nobbenhuis schmunzelnd, «finden sich problemlos Alternativen: Highway to Hell, Atemlos durch die Nacht – je nach musikalischem Geschmack oder Schwärze des Humors. Hauptsache, der Takt stimmt.»