Moderne Wissenschaft hilft der Medizin

Die Kantonsspitäler Aarau (KSA) und Baden (KSB), die Hirslanden Klinik Aarau sowie die ETH Zürich, die Empa und das PSI haben 2024 den «Verein für medizinische Forschung und Innovation im Kanton Aargau» gegründet. Vizepräsident Philipp Schütz vom KSA spricht über die gemeinsamen Projekte, die auch der Forschung zu gesundem Altern dienen.

Zur Person
Prof. Dr. med. Philipp Schütz
Prof. Dr. med. Philipp Schütz

Philipp Schütz ist Leiter der medizinischen Universitätsklinik am Kantonsspital Aarau und Vizepräsident des «Vereins für medizinische Forschung und Innovation im Kanton Aargau», der den Wissenstransfer zwischen medizinischer Forschung und Praxis fördert.

Professor Schütz, wozu braucht es diesen Verein, klappt der Austausch zwischen Spitälern und Forschung sonst nicht?

Philipp Schütz: Kooperationen gab es bislang auch. Aber den Aargauer Spitälern fehlt anders als etwa denen in Bern, Basel und Zürich eine eigene Universität, wo der enge Austausch sozusagen naturgegeben ist. Der Verein verknüpft uns enger mit den Forschungsinstituten der Region wie dem PSI. Es geht darum, eine Brücke zu schlagen «from bench to bedside», wie es so schön heisst – vom Labortisch zum Krankenbett. Gemeinsam können wir gezielter neue Methoden entwickeln.

Der Verein hat das Programm ForME aufgestellt. Worum geht es da?

Das Programm gibt vor allem jungen Ärztinnen und Ärzten Zeit zu forschen. Sie beantragen ein Projekt, das sie gemeinsam mit einem Team etwa des PSI durchführen möchten, und erhalten dafür vom Spital einen Tag die Woche frei. Bezahlt wird dieser dann aus Projektmitteln.

Inwiefern führt das zu mehr Wissenstransfer?

Die Ärztinnen und Ärzte erfahren praktisch, welche technischen Möglichkeiten die moderne Wissenschaft bietet, um medizinische Probleme zu lösen. Umgekehrt lernen Forschende die klinischen Bedarfe kennen, auf die sie hinarbeiten sollten. Zusammen gelangen sie schneller zu Lösungen. Oft entstehen im Gespräch, etwa in der Kaffeepause, sogar neue Ideen jenseits des Projekts, auf die man zuvor nicht kam, weil die andere Perspektive fehlte.

Es läuft nun schon die zweite Runde an ForME-Projekten. Können Sie von einer der bisherigen Zusammenarbeiten erzählen?

Da ist zum Beispiel das Projekt meines Kollegen Tician Schnitzler. Er ist Radiologe am KSA und entwickelt mit PSI-Fachleuten Moderne Wissenschaft hilft der Medizin ein KI-basiertes Verfahren zur Interpretation von Röntgenbildern der Lunge. KI birgt enormes Potenzial für die Diagnostik, das bislang in der Praxis leider noch kaum ausgeschöpft wird. Konkret geht es um die Frühdiagnostik der Bronchiektase – sackförmig erweiterte Bronchien, die chronisches Eitern und Lungenentzündungen verursachen. Sie kommt vor allem bei älteren Menschen mit vorgeschädigten Lungen vor. Das Projekt will die KI mit dokumentierten Verläufen trainieren, sodass sie anhand eines Röntgenbildes viel eher als wir Ärzte erkennt, wenn da etwas droht.

Welche Forschungsbereiche am PSI sind aus medizinischer Sicht besonders relevant?

Das PSI ist nicht nur in der Entwicklung neuer diagnostischer Methoden sehr stark, sondern auch in der Therapie. Das Zentrum für Protonentherapie etwa ermöglicht uns sehr präzise Krebsbehandlungen. Weltklasse sind auch die Nuklearmedizin und Radiopharmazie des PSI. Diese Expertise nutzt ein weiteres ForME-Projekt des Kollegen Sabin-George Pop vom Kantonsspital Baden. Mit den PSI-Fachleuten entwickelt er KI-Tools zur Optimierung der Radioligandentherapie bei Prostatakrebs, der vor allem ältere Männer betrifft.

Haben Sie selbst auch viel geforscht?

Ja, mein Fokus liegt auf der personalisierten Ernährungstherapie. Im Alter sind viele Menschen von mehreren Erkrankungen betroffen, leiden unter Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust. Ich untersuche mit meinem Team, wie man dem durch eine individuelle Ernährungstherapie entgegenwirken kann – von eiweissreichem Essen über Trinknahrung mit speziellen Aminosäuren bis hin zu Nährstoffen per Infusion, wenn es anders nicht geht. Ernährung kann den körperlichen Abbau im Alter wirksam bremsen. Wir erforschen die pathophysiologischen Ursachen der Mangelernährung und suchen Biomarker für deren Früherkennung – auch ein Feld, das noch viel Potenzial birgt.

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