Das PSI Bildungszentrum: Expertise für die ganze Schweiz

Fortschritt entsteht, wenn Wissen geteilt und gemeinsam weitergedacht wird. Darum sind am Bildungszentrum des PSI die Weiterbildungskurse aller vier ETH-Forschungsinstitute vereint. Die Schule für Strahlenschutz steht darüber hinaus der gesamten Schweiz offen und sorgt dafür, dass Einsatzkräfte und Fachpersonen aus Medizin, Industrie und Energieversorgung exzellente Aus- und Weiterbildungen erhalten.

David Sprenger leitet das PSI Bildungszentrum und den «lead campus», der Aus- und Weiterbildungen für die Mitarbeitenden aller vier Forschungsinstitute im ETH-Bereich anbietet. Maya Keller ist Leiterin der zugehörigen Schule für Strahlenschutz. Im Backsteingebäude OSGA heissen sie Fachpersonen aus der ganzen Schweiz willkommen, die beispielsweise in der Medizin, in den Schweizer Kernkraftwerken oder als Einsatzkräfte im Strahlenschutz arbeiten. © Paul Scherrer Institut PSI/Markus Fischer

An einem Dienstagmorgen im Dezember dringen erste Sonnenstrahlen durch die Waldwipfel und zeichnen Muster auf die Strasse, die sich durch das weitläufige Gelände des PSI schlängelt. Einige Spätankommende eilen den Gehweg entlang, auf einen Backsteinbau zu: das Schulungsgebäude OSGA. Hier finden heute drei Kurse parallel statt: die «Anerkannte Strahlenschutz-Ausbildung für Laborpersonal», das «Röntgenphysikalische Praktikum» und ein Kurs zu Wissenschaftskommunikation. In den Schulungsräumen nehmen Physikerinnen neben Umweltwissenschaftlern Platz, Laborpersonal trifft auf Gefahrengutbeauftragte, angehende Radiologiefachkräfte auf Einsatzkräfte im Strahlenschutz.

«Hier passiert weit mehr als nur Wissenstransfer», sagt David Sprenger. «Hier entsteht eine gemeinsame Sprache der Forschung – ein kulturelles Fundament, das über Disziplinen und Grenzen hinausreicht.» Sprenger hat in digitalen Lerntechnologien promoviert und ist Leiter des PSI Bildungszentrums. Seit dem Frühjahr 2024 bietet dieses mit dem «lead campus» ein gemeinsames Kursangebot für alle vier nationalen Forschungsinstitute, die zum ETH-Bereich gehören: das PSI, die Empa, die Eawag und die WSL. Rund zweihundert Angebote umfasst das Programm. In Kursen unter anderem zum Management von Forschungsdaten (Research Data Management RDM), zu geografischen Informationssystemen (GIS), zur Programmiersprache Python und Reporting-Software Quarto lernen die Teilnehmenden nicht nur Methoden und Regelwerke, sondern übernehmen auch die Vision der ETH-Forschung: Offenheit, Präzision und Mut für Neues.

Lernen und Entwicklung im Fokus  

Austausch und bewusste Pflege der gemeinsamen ETH-Forschungskultur waren von Anfang an erklärtes Ziel, so David Sprenger: «Das Akronym «lead» setzt sich aus ‹learning› und ‹development› zusammen.» Also: ‹lernen› und ‹entwickeln› – das permanente Streben nach Verbesserung, das aller Forschung zugrunde liegt. Durch das bestehende Bildungszentrum des PSI konnte der «lead campus» solide starten. «Die Infrastruktur war bereits vorhanden», erklärt Sprenger.

«Am PSI verfügen wir über attraktive Unterrichtsräume, moderne Labore und einen voll ausgestatteten Bereich für Übungen von Einsatzkräften beispielsweise im Strahlenschutz.» Auch Feuerlöschkurse, die die Besonderheiten in Laboren berücksichtigen, werden auf einem speziell eingerichteten Areal durchgeführt.

Wo auch immer sich in den vier Forschungsinstituten ein gemeinsamer Nenner finden liess, sind die Lehrgänge mittlerweile vereinheitlicht ausgeschrieben. Es gibt Kurse für Auftrittskompetenz im wissenschaftlichen Umfeld, erfolgreiche Bewerbungen um Forschungszuschüsse, das Vermitteln der eigenen Wissenschaft an ein breites Publikum und nicht zuletzt ein Modul, das Nachwuchsforschenden zeigt, wie sie ihre Ergebnisse erfolgreich in internationalen Fachzeitschriften publizieren können.

Online-Learning hat gemäss David Sprenger seit den Pandemiejahren 2020/21 deutlich an Bedeutung gewonnen. Wenn sinnvoll, finden die Weiterbildungen aber vor Ort statt. Das fördert den sozialen Austausch unter den Instituten und vereinfacht praktische Übungen.

Sprengers Team evaluiert die einzelnen Kurse regelmässig: Wie stark ist die Beteiligung, wie beliebt ist welcher Kurs? «Je nachdem erweitern wir gewisse Module oder streichen sie. Das bringt eine gute Dynamik in das Angebot.» An allen vier Forschungsinstituten gibt es Ansprechpersonen, um weitere Ausbildungsbedürfnisse abzuklären. Unterrichtssprachen sind Deutsch und Englisch. Die Forschenden der ETH-Institute stammen aus aller Welt.

Das erste Fazit zur gemeinsamen Lernplattform fällt positiv aus: In den ersten zwei Jahren des «lead campus» gab es − alle Präsenz-Kurse zusammengerechnet − bereits 4500 Kursteilnahmen. «Wenn wir noch die Online-Pflichtkurse hinzurechnen, kommen wir sogar auf rund zehntausend Teilnahmen», sagt David Sprenger. Zusammen haben die vier ETH Forschungsinstitute rund 4600 Mitarbeitende; 2300 hat alleine das PSI.

Karriereförderung für Forschung  und Wirtschaft

Eine akademische Laufbahn verläuft anders als eine Berufskarriere in einem Privatunternehmen – das «Career Center» hat dies im Blick. Es ist ein weiterer Teil des PSI Bildungszentrums und steht den Promovierenden und Postdoktorierenden der ETH-Forschungsinstitute zur Verfügung.

Junge Forschende, die in die Wirtschaft wechseln, werden auch darauf vorbereitet. Die zahlreichen Spin-off-Unternehmen, die sich an allen vier Forschungsinstituten bereits etablieren konnten, zeugen vom Geschäftssinn einiger ehemaliger Forschenden. «Der wirtschaftliche Erfolg dieser Spin-offs hängt unter anderem damit zusammen, wie eloquent sich die Forschenden auf dem ökonomischen Parkett der Privatwirtschaft bewegen», erklärt David Sprenger. «Unsere Lehrgänge helfen, den Weg zu ebnen.»

Maya Keller unterrichtet auch selbst an der Schule für Strahlenschutz. Ihr Kurs «Anerkannte Strahlenschutz-Ausbildung für Laborpersonal» beinhaltet auch einen praktischen Teil in einem eigenen Physiklabor. © Paul Scherrer Institut PSI/Markus Fischer

Die Schule für Strahlenschutz – eine nationale Verantwortung

Seit über sechzig Jahren ist die Ausbildung im Strahlenschutz ein fester Bestandteil des PSI und steht Teilnehmenden aus der ganzen Schweiz offen. Als Schweizer Kompetenzzentrum für nukleare Energie und Sicherheit trägt das Institut eine zentrale Verantwortung dafür, dass Fachwissen im Umgang mit ionisierender Strahlung kontinuierlich weiterentwickelt und an nachfolgende Generationen weitergegeben wird. Die Schule für Strahlenschutz ist historisch aus den eigenen nuklearen Forschungstätigkeiten des PSI gewachsen, finanziell selbsttragend und heute Teil des PSI Bildungszentrums. Die Kursteilnehmenden kommen aus vielen verschiedenen Bereichen: Sie sind beispielsweise Einsatzkräfte im Stör- oder Notfall, medizinische Fachkräfte aus der Radiologie oder Nuklearmedizin, sie forschen in der Pharmaindustrie oder arbeiten in der Nuklearforschung, in den Schweizer Kernkraftwerken oder im Zwischenlager Zwilag.

In der Schweiz ist die Ausbildung für den sicheren Umgang mit Strahlung im Strahlenschutzgesetz und in der Strahlenschutz-Ausbildungsverordnung rechtlich verankert; siebzig Berufsgruppen sind darin erfasst. Beruflich strahlenexponiertes Personal unterliegt strengen gesetzlichen Auflagen und steht unter Aufsicht des Bundesamts für Gesundheit, des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats ENSI und des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport.

«Das PSI ist als einziges Institut in der Strahlenschutzverordnung erwähnt, wir haben also den direkten Auftrag des Bundes», sagt Maya Keller, Leiterin der Schule für Strahlenschutz. «Wir sind schweizweit die grösste Schule dieser Art und wir haben das breiteste Kursangebot. So leisten wir in der Schweiz seit vielen Jahren einen verlässlichen Beitrag an den geforderten sicheren Umgang mit ionisierender Strahlung. Darauf bin ich stolz.» Maya Keller ist im Tessin und in den USA aufgewachsen und verfügt im Be reich Strahlenschutz über einen Masterabschluss und die höchste USA-Zertifizierung.

Am heutigen Dienstag unterrichtet sie den Kurs «Anerkannte Strahlenschutz-Ausbildung für Laborpersonal» auf Englisch. Die Teilnehmenden kommen unter anderem von der Universität Basel, andere arbeiten bei Novartis und ein kleiner Teil auch am PSI. «Diese Leute arbeiten alle in einem Labor mit sogenannten offenen radioaktiven Quellen und besuchen darum diesen einwöchigen Kurs.»

Unser Ausbildungsangebot leistet in der Schweiz seit vielen Jahren einen verlässlichen Beitrag an den geforderten sicheren Umgang mit ionisierender Strahlung.

Maya Keller, Leiterin der Schule für Strahlenschutz am PSI Bildungszentrum

Mit sechzig unterschiedlichen Kursen, die zwischen einem halben Tag und bis zu drei Monaten dauern, deckt die Schule für Strahlenschutz die ganze Bandbreite ab. Und das leistet sie mit gerade einmal sieben Lehrpersonen, die gemeinsam 620 Stellenprozente abdecken. «Hinzu kommt, dass Änderungen in den gesetzlichen Vorgaben weitere Ausbildungsmodule nötig machen», erklärt Maya Keller.

Die Bedürfnisse im medizinischen Bereich verändern sich laufend. Flexibilität ist gefordert. Maya Keller: «Um den Kunden entgegenzukommen, bieten wir auch massgeschneiderte Ausbildungen an. Zum Beispiel gehen Lehrpersonen direkt in ein Spital, um deren medizinisches Fachpersonal im Strahlenschutz zu unterrichten und dies auch im Operationssaal zu üben.»

Auch eine massgeschneiderte Schulung für den Umgang bei Stör- und Notfall-Situationen gehört zum Portfolio der PSI-Schule für Strahlenschutz. «Wir arbeiten dafür direkt mit kantonalen Organisationen, um realistische Einsatzübungen aufzubauen.»

Unterricht im grössten Schweizer Röntgenlabor 

Im Bereich der Röntgendiagnostik begegnet die Schule für Strahlenschutz den wachsenden Bedürfnissen unter anderem mit dem schweizweit grössten Röntgenlabor. An insgesamt neun Röntgenanlagen und einem Durchleuchtungsgerät lassen sich unterschiedlichste Experimente und Übungen durch führen, um künftige Radiologiefachkräfte und die Ärzteschaft praxisnah auf ihre Arbeit vorzubereiten.

Das Röntgenlabor wird an rund fünfundsechzig Tagen pro Jahr durch Dritte gemietet: Dann nutzen Schulen für medizinische Praxisassistenz die Räumlichkeiten. Die Schule für Strahlenschutz wiederum federt so ihre Investitionen in die modernen Geräte ab.

Praktische Kurseinheiten finden aber auch im Physik- und Chemielabor statt, wo die Teilnehmen den beispielsweise den Umgang mit Messgeräten lernen. Sicherheit steht dabei stets an erster Stelle. «Gerade weil ionisierende Strahlung mit unseren fünf Sinnen nicht erkennbar ist, ist ein konsequentes, sicherheitsorientiertes Verhalten im Arbeitsumfeld entscheidend», erklärt Maya Keller. «Genau das vermitteln wir in unseren Kursen.»