Neu entdeckte Proteinstruktur als potenzielles Ziel für Krebsmedikamente
Mehrere Krebsarten werden durch Mutationen ausgelöst, die mit einem Protein namens B-Raf in Zusammenhang stehen. Forschende am Paul Scherrer Institut PSI haben eine bislang unbekannte Proteinstruktur gefunden und entschlüsselt, die B-Raf während der Zellteilung bildet. Ihre Studie, die nun in der Fachzeitschrift Molecular Cell veröffentlicht wurde, eröffnet neue Ansätze für Krebstherapien.
Der schwarze Hautkrebs, auch Melanom genannt, gehört zu den gefährlichsten Krebsarten. Rund die Hälfte aller Melanome sowie rund sieben Prozent aller weiteren Krebsarten weist eine Mutation eines Proteins namens B-Raf auf. Diese Mutation setzt die Regulation der Zellteilung ausser Kraft, sodass sich die Zellen unkontrolliert vermehren. Forschende des PSI und der Universität Zürich haben nun das B-Raf-Protein genauer untersucht und so wertvolle Einblicke in dessen komplexe Regulation gewonnen.
«Krebstumore, die von B-Raf-Mutationen betroffen sind, gelten als besonders aggressiv und schwer zu behandeln», sagt Yasushi Kondo, Forscher am Zentrum für Life Sciences des PSI und Erstautor der neuen Publikation. Derzeit sind nur sehr wenige Wirkstoffe für die gezielte Behandlung dieser Tumore verfügbar – und hinzukommt, dass die Zellen typischerweise nach einigen Monaten Resistenzen gegen diese Medikamente entwickeln.
Eine Ampel, die nur auf Grün steht
Proteine ändern ihre Form und binden an andere Proteine und Moleküle, um Signalkaskaden anzustossen. Das B-Raf-Protein ist Teil eines zentralen Signalübertragungsweges in allen menschlichen Zellen. Er funktioniert wie eine Serie von Ampeln und reguliert das Zellwachstum und die Zellteilung. Wenn B-Raf das entsprechende vorgelagerte Signal erhält, verbinden sich zwei B-Raf-Proteine zu einem sogenannten aktiven Dimer und geben damit grünes Licht für den nächsten Schalter. Ohne die früheren Signale dagegen stoppt der Verkehr.
Mutiertes B-Raf hebt diese Kontrolle auf. Anstatt auf Anweisungen zu warten, schaltet es sich selbstständig und dauerhaft auf Grün – unabhängig vom restlichen Netzwerk. Dies sendet den Zellen ein konstantes Signal zur Vermehrung: Der Tumor wächst ungebremst.
Bekannt war bereits, dass ein bestimmter kurzer Abschnitt im B-Raf-Protein, das sogenannte NtA-Sequenzmotiv, entscheidend an diesem krebsfördernden Prozess beteiligt ist. Nun konnten die Forschenden um Kondo die Rolle des NtA genauer klären.
Dafür untersuchten sie die molekulare Struktur von B-Raf-Dimeren an der Synchrotron Lichtquelle Schweiz SLS am PSI sowie an der Diamond Light Source in Didcot, England, und führten an der Universität Zürich Untersuchungen an menschlichen Zellen durch.
So entdeckten die Forschenden eine bislang unbekannte Form der B-Raf-Dimere, die sich im Verlauf der Signalkaskade bildet: Sie besteht aus zwei unterschiedlich geformten B-Raf-Proteinen; und die NtA-Sequenz des einen B-Raf reicht dabei so zu seinem Partner hinüber, dass sie eine Art Verbindungsbrücke zwischen den beiden bildet.
Ein komplexes Gebilde
Die Forschenden betrachteten dieses asymmetrische B-Raf-Dimer jedoch nicht für sich, sondern in seiner Verbindung mit einem weiteren Protein namens MEK1. «Diese Verbindung mit MEK1 ist ein entscheidender Schritt in der Signalkaskade zur Zellteilung», erklärt Kondo. Denn das MEK1-Protein wandert später weiter und gibt so das nächste grüne Licht in der Signalkette.
«Uns ist in dieser Studie erstmals eine hochaufgelöste Visualisierung der genauen Struktur dieses Gebildes in seiner aktiven funktionellen Form geglückt, das aus den beiden per NtA asymmetrisch verbundenen B-Raf-Proteinen sowie dem MEK1-Protein besteht», so Kondo.
Dies ist hilfreich für die Entwicklung von Medikamenten: Zielgerichtete Wirkstoffe binden an die aktiven Bausteine einer Signalkette und unterbrechen die Signalweitergabe. Sie stellen somit eine der Ampeln auf Rot und verhindern die weitere Zellteilung im Tumor. «Je genauer wir die Form der Bausteine kennen, desto genauer können wir Wirkstoffe designen, die wirklich exakt passen.»
Mehr Behandlungsoptionen bei Krebs
Die Hoffnung der Forschenden ist es, künftig eine breitere Palette an effektiveren Wirkstoffen zur Verfügung zu haben, die am B-Raf-Protein ansetzt. «Damit hätten wir mehr Optionen, wenn die Resistenzen einsetzen», so Kondo.
Tatsächlich suchen die Forschenden am Zentrum für Life Sciences des PSI nun bereits nach Molekülen, die an den nun entschlüsselten B-Raf-MEK1-Komplex binden und so das unerwünschte Signal unterbrechen könnten. «Unsere Erkenntnisse eröffnen neue Möglichkeiten für die Entwicklung von Medikamenten, die auf neue, andersartige Weise B-Raf anvisieren», erklärt Kondo. «Ein breiteres Spektrum an Wirkstoffen könnte mehr Behandlungsoptionen bieten und somit gegen die vielfältigen Resistenzen von Krebserkrankungen gegenüber den bestehenden Therapien helfen.»
Die aktuelle Studie wurde unterstützt durch die Stiftung Krebsforschung Schweiz.
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Originalveröffentlichung
Mechanism of MEK1 phosphorylation by the N-terminal acidic motif-mediated asymmetric BRAF dimer
Y. Kondo et al.
Molecular Cell, 21.07.2026
DOI: 10.1016/j.molcel.2026.06.039
Über das PSI
Das Paul Scherrer Institut PSI entwickelt, baut und betreibt grosse und komplexe Forschungsanlagen und stellt sie der nationalen und internationalen Forschungsgemeinde zur Verfügung. Eigene Forschungsschwerpunkte sind Zukunftstechnologien, Energie und Klima, Health Innovation und Grundlagen der Natur. Die Ausbildung von jungen Menschen ist ein zentrales Anliegen des PSI. Deshalb sind etwa ein Viertel unserer Mitarbeitenden Postdoktorierende, Doktorierende oder Lernende. Insgesamt beschäftigt das PSI 2300 Mitarbeitende und ist damit das grösste Forschungsinstitut der Schweiz. Das Jahresbudget beträgt rund CHF 450 Mio. Das PSI ist Teil des ETH-Bereichs, dem auch die ETH Zürich und die ETH Lausanne angehören sowie die Forschungsinstitute Eawag, Empa und WSL. (Stand 06/2026)
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