«In das Problem verlieben – nicht in die Lösung»

Was wissenschaftsbasierte Spin-offs über Marktbedürfnisse wissen müssen und warum Vertrauen wichtiger ist als der perfekte Pitch, erklärt Georges Khneysser, Venture Capitalist am Park Innovaare. 

Zur Person
Georges Khneysser
Georges Khneysser
Georges Khneysser

Georges Khneysser ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von QBIT Capital, einer von der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht FINMA lizenzierten Schweizer Risikokapitalgesellschaft mit Fokus auf Deep-Tech- und B2B-Start-ups in der frühen Phase. Mit über 35 Jahren Erfahrung im globalen Finanzwesen schlägt er eine Brücke zwischen Kapitalgebern und dem ETH-Bereich sowie den führenden Universitäten und Forschungszentren der Schweiz. Zu seinen persönlichen Interessen zählen Schach, Go, zeitgenössische Kunst und Quantenphysik. 

PSI-Spin-offs stehen gerade in frühen Phasen vor einem Spannungsfeld: Einerseits basieren sie auf vielversprechenden bahnbrechenden Technologien, andererseits dauert ihre Entwicklung in der Regel lange, sie benötigen mehr Kapital und erzielen oft erst später Einnahmen. Hier kommt Risikokapital – Venture Capital − ins Spiel, manchmal sogar noch bevor das Unternehmen vollständig gegründet ist (siehe Kasten). Wie aber überzeugt man unter diesen Bedingungen Investorinnen und Investoren? Georges Khneysser, Risikokapitalgeber bei QBIT Capital im Park Innovaare, bietet eine klare Perspektive. Er fungiert als Brücke zwischen der wissenschaftlichen Innovation des PSI und den Markterwartungen. 

Herr Khneysser, Sie haben sich mit QBIT Capital vor einigen Monaten im Switzerland Innovation Park Innovaare angesiedelt. Warum gerade hier?  

Georges Khneysser: QBIT muss dort präsent sein, wo aus Wissenschaft praktische Anwendungen entstehen. Das PSI ist in vielerlei Hinsicht ein verstecktes Juwel, mit einer einzigartigen Kombination aus wissenschaftlicher Exzellenz, modernster Forschungsinfrastruktur und einem starken Innovationsumfeld. Ein echtes «Scientific Village»! Die Nähe zu Forschenden, Gründerinnen und Gründern sowie Spin-offs des PSI verändert die Qualität der täglichen Gespräche grundlegend: Man bewertet nicht nur Präsentationen – man erlebt in Echtzeit, wie sich Ideen entwickeln und Lösungen entstehen. Die Nähe zum PSI ermöglicht ein viel tieferes Verständnis dafür, welche Wirkung dieser Ort auf die Welt haben kann. 

Venture Capital ist Risikokapital für junge Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial. Investorinnen und Investoren erwerben Beteiligungen an einem Unternehmen und setzen darauf, dass dessen Wert in den kommenden Jahren deutlich steigt. Neben Kapital bringen sie häufig auch Erfahrung, strategische Unterstützung und Zugang zu Netzwerken ein. 

Zu den Alternativen zu Venture Capital zählen Fördermittel, Industriepartnerschaften, Business Angels, Bankkredite oder langfristig orientierte Investoren. 

Was zeichnet aus Ihrer Sicht die Schweiz und das PSI aus, auch im Hinblick auf Spin-offs? 
 
Die Schweiz vereint wissenschaftliche Tiefe, technische Präzision und langfristige Geduld – gepaart mit einer bemerkenswerten Bescheidenheit. Exzellenz muss hier nicht übertrieben hervorgehoben werden, sie spricht für sich selbst. 

Am PSI wird Forschung kontinuierlich an der Realität gemessen. Viele Spin-offs entstehen aus sehr konkreten Herausforderungen in Bereichen wie Energie, Materialien oder Life Sciences – mit klarer Relevanz weit über die akademische Welt hinaus. 

Bleiben wir bei den Spin-offs: Wie beurteilen Sie − aus Sicht eines Investors – deren Risiko? 

In der frühen Deep-Tech-Phase ist es entscheidend zu prüfen, ob die wissenschaftliche Grundlage solide ist, das Problem relevant und das Team ehrlich und klar darlegt, was es weiss – und was nicht. Unklarheit ist in dieser Phase völlig normal, ein Mangel an intellektueller Stringenz oder Integrität hingegen nicht. 
 
Und worauf achten Sie persönlich besonders in sehr frühen Phasen eines Start-ups? 

Mein Fokus liegt auf der Entwicklung über die Zeit. Ich beobachte, wie Gründerinnen und Gründer mit Feedback umgehen, ob sie reflektieren, lernen und handeln. Die Technologie selbst stelle ich nicht infrage. Entscheidend ist vielmehr, ob ein Entrepreneur oder eine Entrepreneurin in der Lage ist, zu führen, schwierige Entscheidungen zu treffen und den Übergang von einem wissenschaftlichen Ergebnis zu einem marktfähigen Produkt bewusst zu gestalten. Ich erwarte zu Beginn keine Perfektion oder ein ausgereiftes Geschäftsmodell – sondern vielmehr die Fähigkeit zu lernen und zu reflektieren.  
 
Welchen typischen Herausforderungen stehen wissenschaftsbasierte Spin-offs gegenüber? 

Sie müssen sich in das Problem verlieben – nicht in die Lösung. Es geht darum zu prüfen, ob eine Technologie einen Marktbedarf deckt; und die Antwort darauf muss vom Markt selbst kommen. Gleichzeitig gilt es, Brücken zwischen Forschung, Industrie und Kundschaft zu schlagen, ohne die wissenschaftliche Tiefe aus den Augen zu verlieren. 
 
Sie sind auch externes Jury-Mitglied des «PSI Founder Fellowship»-Programms: Was zeichnet das Programm Ihrer Ansicht nach aus? 

Es gibt Gründerinnen und Gründern Zeit und Raum, zu denken und Meinung auszutauschen, bevor ein Start-up gegründet wird. Diese Wertschätzung von Komplexität ist selten – und im Deep-Tech-Umfeld unverzichtbar. 
 
Welchen Rat haben Sie für Spin-offs, die sich erstmalig mit Venture Capital auseinandersetzen? 

Ehrlichkeit und Authentizität. Die besten ersten Gespräche drehen sich nicht um Bewertungen oder perfekte Pitches, sondern um Vertrauen und die Frage, ob man gemeinsam langfristig etwas Sinnvolles aufbauen möchte.