21. April 2006

Asbest beim Rückbau des Forschungsreaktors Diorit

Resultate aus externer Untersuchung liegen vor

Beim Abbau des Forschungsreaktors Diorit waren einige der eingesetzten Mitarbeiter kurzzeitig einer erhöhten Asbestbelastung ausgesetzt. Das zeigt ein unabhängiges Gutachten auf. Die Verantwortlichen des Paul Scherrer Instituts (PSI) bedauern sehr, dass die Rückbauer diesem Risiko ausgeliefert wurden und so verständlicherweise besorgt sind. Die exponierten Personen hat man über ihre Asbestbelastung informiert und allen die arbeitsmedizinische Vorsorge angeboten. Um eine Wiederholung zu vermeiden, wurden auch personelle Massnahmen getroffen.

Seit 1994 sind am PSI Arbeiten im Gang, um den Forschungsreaktor Diorit aus den 1960er-Jahren nach einem präzisen Plan abzubauen. Im November vergangenen Jahres entdeckte ein externer Arbeiter beim Abbruch ein Chromstahl-Rohr, dessen textiles Umhüllungsmaterial den Verdacht auf Asbest lenkte. Das Material wurde untersucht und der Verdacht bestätigt, worauf man die Arbeiten am Diorit unterbrach. Anfang Dezember wurden die Rückbauarbeiten mit Unterstützung einer für Asbestsanierungen zertifizierten Firma wieder aufgenommen und die Schutzmassnahmen in Absprache mit der Suva dem Asbestrisiko angepasst.

Zwei der externen Mitarbeiter erhoben gegen das PSI den Vorwurf, Arbeitssicherheit und Schutzbestimmungen verletzt zu haben. Auch sei nach Entdeckung des Asbests zu langsam reagiert worden. Der Anwalt der Mitarbeiter gelangte mit diesen Anschuldigungen ans Nachrichtenmagazin “10 vor 10”, das am 1. März 2006 erstmals einen Bericht darüber ausstrahlte. Die PSI-Direktion nimmt den Vorwurf der mangelnden Arbeitssicherheit beim Diorit-Rückbau ernst, denn sie legt grossen Wert auf eine hohe Arbeitssicherheit; die Unfallhäufigkeit am PSI liegt weit unter dem Schweizer Durchschnitt. Externe, unabhängige Fachleute haben in der Zwischenzeit den Vorfall detailliert untersucht, um den Arbeitsablauf nachzuvollziehen und die Asbest-Exposition der Mitarbeiter abzuschätzen.

Die externe Untersuchung umfasste mehrere Teile. Zum einen wurde zu Asbestfasermessungen der Abbau unter ungünstigen Annahmen simuliert (Trennschnitte am trockenen Rohr, Arbeit ohne vorhandene Atemschutzmasken u.a.). Anderseits haben die Gutachter anhand von Befragungen, Plänen und weitern Dokumenten den zeitlichen Verlauf der Arbeiten rekonstruiert. Daraus ergaben sich die Zeitintervalle, während der die jeweils eingesetzten Bauarbeiter einer Belastung durch Asbestfasern ausgesetzt waren. Anschliessend kombinierte man die jeweilige gemessene Asbestfaserkonzentration mit der zeitlichen Dauer ihrer Wirkung.

Die Resultate liegen vor: Bei kurzdauernder Einwirkung wird die kumulative Asbestdosis in Faserjahren (Definition siehe Hintergrundinfos) unter Berücksichtigung der Asbestfasertypen zur Beurteilung herangezogen. Einige der eingesetzten Mitarbeiter waren so gesamthaft einer Asbestbelastung von 0,03 bis 0,27 Faserjahren ausgesetzt. Das Konzept der Faserjahre ist wissenschaftlich allgemein anerkannt und ermöglicht eine Abschätzung der Gesundheitsrisiken. Anhand der heutigen epidemiologischen Daten kann man davon ausgehen, dass eine Belastung mit Weissasbest (Chrysotil) in der Grössenordnung von 0,1 Faserjahren ein zusätzliches Tumorrisiko (Lungen- und Brustfellkrebs) von unter 1:10 000 nach sich zieht.

Wie kam es zu diesem bedauerlichen Vorfall?

“Beim Umgang mit den radioaktiven Komponenten lief alles problemlos”, sagt PSI-Direktor Ralph Eichler. Als Kompetenzzentrum für die radiologische Überwachung schenkten die im Diorit eingesetzten PSI-Fachleute aber dem möglichen Auftauchen von Asbest zu wenig Beachtung. Was die Schutzmassnahmen betrifft, mussten gemäss Vorschriften bei Staub verursachenden Arbeiten Atemschutzmasken getragen werden. Die Masken standen zur Verfügung, wurden von den Bauarbeitern auch benützt, jedoch nicht von allen.

“Die Vorkommnisse beim Rückbau des Diorit-Forschungsreaktors bedaure ich sehr”, sagt Ralph Eichler. “Es tut mir Leid. Den Betroffenen gebührt Anerkennung. Mit ihrem Verhalten trugen sie dazu bei, grösseren Schaden zu vermeiden.” Um solche Vorfälle künftig zu verhindern, wurden bereits personelle und organisatorische Massnahmen getroffen. Alle gegenüber Asbest exponierten Mitarbeiter werden von der Suva in das Programm der arbeitsmedizinischen Vorsorgeuntersuchungen aufgenommen.


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Hintergrundinformationen zum Asbestfall am PSI

1. Die ermittelte Asbestbelastung für die eingesetzten Arbeiter Die externe, unabhängige Untersuchung umfasste mehrere Teile:
  • Mit Asbestfasermessungen simulierte man den Abbau der asbesthaltigen Baustoffe. Dabei wurde der für die Asbestfreisetzung ungünstigste Arbeitsvorgang durchgeführt, d.h. das Durchtrennen trockener, asbestumhüllter Rohre mit der Trennscheibe. Daraus ergab sich eine maximale Asbestfaserkonzentration am Arbeitsplatz (Momentaufnahme). Eine Zweitauswertung der Messungen durch einen andern Gutachter bestätigte diese Resultate.
  • Anhand von Befragungen, Plänen und weitern Dokumenten haben die Gutachter den zeitlichen Verlauf der Arbeiten akribisch rekonstruiert. Daraus ergaben sich die Zeitintervalle, während der die jeweils eingesetzten Bauarbeiter einer Belastung durch Asbestfasern ausgesetzt waren. Der Zeitraum der möglichen Asbestfreisetzung liegt für die 20 bis 30 Isotopenleitungen zwischen dem 17. Oktober und dem 11. November 2005 (davon ca. 7 Arbeitstage mit Trennschneidearbeiten), für die Notkühlleitung (mit höchstens zwei ausgeführten Trennschnitten) zwischen dem 1. März und dem 8. Juli sowie zwischen dem 17. Oktober und dem 11. November 2005.
  • Die Kombination der jeweiligen gemessenen Asbestfaserkonzentration mit der zeitlichen Dauer dieser Wirkung führte schliesslich zur Asbestbelastung. Auch bei dieser Abschätzung ging man von ungünstigen Voraussetzungen aus – so nahm man an, dass die Trennschnitte jeweils am trockenen Rohr erfolgten und keine Atemschutzmasken getragen wurden.
  • Die Beurteilung der Asbestbelastung erfolgte nach dem wissenschaftlich allgemein anerkannten Konzept der Faserjahre, wie es in der Schweiz auch durch die Suva und die Grenzwertkommission der Suissepro angewendet wird. (Faserjahr = Anzahl Asbestfasern pro Milliliter mal die Dauer der Einwirkung in Jahren)
Die Resultate, zitiert aus dem Gutachten von Basler & Hofmann, Ingenieure und Planer, Zürich, vom 12. April 2006: «Beim Rückbau des Forschungsreaktors Diorit sind Asbestfasern unbeabsichtigt und unkontrolliert freigesetzt worden. Die daraus resultierenden Asbestfaserkonzentrationen in der Raumluft lagen zeitweise über dem von der Suva festgelegten Grenzwert für Asbestkonzentrationen am Arbeitsplatz. Die Abschätzung der wirksamen Belastung der Bauarbeiter berücksichtigt nebst den Konzentrationen die Einwirkzeit. Unter ungünstigen Annahmen resultiert daraus für die am stärksten exponierten Arbeiter eine Belastung von 0,14 Faserjahren, bei einem Streubereich zwischen 0,03 und 0,27 Faserjahren. ... Der weitere Rückbau erfolgt mit den seit Dezember 2005 eingeführten Asbestschutzmassnahmen. Zudem werden periodische Raumluftmessungen im Arbeitsbereich durchgeführt.»

2. Abbauplan für den Forschungsreaktor Diorit und radiologische Überwachung Der Kernreaktor Diorit wurde Ende der 1950er-Jahre gebaut und bis 1977 zu Forschungszwecken betrieben. Seit 1994 laufen die Rückbauarbeiten für die Anlage, die weit fortgeschritten sind. Für den Rückbau besteht ein präziser Abbauplan in 14 Arbeitsschritten. Das Konzept lautet “von innen nach aussen, von oben nach unten”, d.h. die Abschirmungen werden bis zuletzt stehen gelassen. Die Arbeitsvorschriften werden von der Aufsichtsbehörde des Bundes, der Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen HSK, überprüft und freigegeben. Für jeden Arbeitsschritt wird ein Abschlussbericht erstellt mit Lehren für die Zukunft, auch für den künftigen Rückbau von Kernkraftwerken. Alle abgebauten Materialien werden gemessen, in radioaktive und inaktive Stoffe unterteilt und dokumentiert. Ebenfalls gemessen und dokumentiert werden die Dosen aller beteiligten Mitarbeiter und die Abgabe von Radioaktivität an die Umwelt. Bis jetzt liegen sämtliche Werte weit unter den Grenzwerten.

3. Konsequenzen aus dem Vorfall Seit der Wiederaufnahme der Rückbauarbeiten nach Entdeckung von Asbest im Dezember 2005 wurden die Schutzmassnahmen entsprechend angepasst und sie werden genaustens kontrolliert. Zudem wurde eine Spezialfirma beigezogen, die sicherstellt, dass der Asbest fachgerecht abgebaut und entsorgt wird. Um die Arbeits- und Informationsabläufe zu verbessern, sind personelle und organisatorische Massnahmen getroffen worden. Auch werden die Resultate einer laufenden Administrativuntersuchung berücksichtigt. Damit sollen eine Wiederholung sowie ähnliche Situationen vermieden werden.

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